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Die Einflüsse des Islams auf die Europäische Kultur
Von Dr. Oylar Saguner
Anhand der universalen Sichtweise der Geschichte der Kulturen zeigt sich, was die gegenseitigen Einflüsse der islamischen und der christlichen Welt angeht, ein bemerkenswerter Unterschied. Der Einfluss des europäischen Denkens auf die islamische Welt reicht lediglich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurück, während die islamische Zivilisation ihre tiefgreifende Wirkung auf die europäisch-christliche Kultur - auf deren langem Weg zur Entwicklung von Wissenschaft und Technologie - bereits ein Jahrtausend zuvor und über einige Jahrhunderte hindurch ausübte.
Mit anderen Worten: die europäische Kultur hatte mehr als tausend Jahre keinen besonderen Einfluss auf die islamische Welt, vielmehr profitierte sie durch die frühe islamische "Aufklärung" in allen Bereichen von Kultur und Wissenschaft."
Nach der Ermordung des vierten Kalifs Ali im Jahre 661, kam der Statthalter von Damaskus Muawiyya ibn-Sufyan an die Macht. Er löschte die Stammeshader und festigte die arabische Macht vom Oxos bis zum Nil. Obwohl Muawiyya die Erbschaft in das Kalifatentum eingeführt und seinen Sohn Yezid als seinen Nachfolger ernannt hat, brachte einen Nachfolgerkrieg zwischen den Omayyaden und Anhänger des ermordeten Alis, die später Schiiten genannt wurden.
Schließlich machte der Khalif Abd-el-Malik, den Unruhen ein Ende und herrschte dann mit verhältnismäßiger Milde, Weisheit und Gerechtigkeit. Sein Sohn Walid I.(705-715) führte die arabischen Eroberungen, die während der vorgenannten Erbschaftskriege stagniert waren, wieder auf: Balch wurde 705, Buchara 709, Spanien durch Tariq-bin-Ziad 711, Samarkand 712 erobert.
In den Ostprovinzen des Reiches regierte Haddschadsch. Während seiner Herrschaft wurden Sümpfe drainiert und getrocknet, dürre Landstriche wurden bewässert. Haddschadsch, der dereinst ein Lehrer gewesen war, reformierte die arabische Rechtschreibung, indem er die diakritischen Zeichen führte. Somit wurde Arabisch eine Kultursprache.
Um 750 kam Abu-al-Abbas der "Al-Saffah"(=Blutdürstige an die Macht zur Macht. Seine Entourage war nach Herkunft und Kultur vorwiegend Perser.
Mit ihnen kam ein gewisser persischer Einfluss in das Hofleben. Durch diese Entwicklung kam auch eine glänzende Blütezeit von Kunst und Literatur, Wissenschaft und Philosophie in den islamischen Alltag.
Nach dem Al-Saffahs wurde sein Halbbruder Abu-Dschafar, der ein unermüdlicher Förderer der Literatur, Kunst und Wissenschaft war, 754 mit dem Namen Al-Mansur(=der Siegreiche) Kalif. Er führte das Amt des Wesirs nach persischem Vorbild ein. Dieses Amt sollte in der Geschichte der Abbasiden eine große Rolle spielen.
Al-Mansurs Sohn Al-Mahdi (775-785) folgte den Weg seines Vaters und förderte unter anderem auch die Musik. Seine jemenitische Frau Khayzuran(=Bambu, 775-809) gebar ihm seinen Sohn Harun(=Aaron). Diese schöne schlanke elegante Frau wurde eine ebenbürtige Herrscherin mit großem Einfluss. In dieser Zeit der Kunst, Kultur und wissenschaftliche Errungenschaften wurde das Militärische vernachlässigt. Somit nutzten die Byzantiner die Gelegenheit aus, um sich das von den Arabern erobertes Gebiet in Kleinasien zurück zu holen.
Harun trieb die Byzantinern nach Konstantinopel zurück und nahm vor der Hauptstadt eine so bedrohliche Haltung ein, dass die Kaiserin Irene mit ihm 784 für eine jährliche Tributzahlung von 70.000 Dinar Frieden schloss. Von nun an wurde er als Harun ar-Raschid(=Aaron der Aufrechten) genannt.
Er soll vom guten Geschichten so sehr eingenommen gewesen sein, dass er sie in Archiven aufbewahrte und eine Erzählerin damit belohnte, dass er sein Bett mit ihr teilte[1].
In Bagdad gab er sich mit einer glänzenden Scharen von Dichtern, Rechtsgelehrten,Ärzten, Grammatikern, Rethorikern, Musikern, Tänzern, und anderen Künstlern. Kein Hof der ganzen Geschichte, einschließlich der von den Medicis, besaß je eine glänzender zusammengesetzte Schar von gescheiten Köpfen. Er war Zeitgenosse Kaiserin Irene von Byzanz, und Karl des Großen, der ihm als Gegengewicht gegen Byzanz wichtig war, ließ er ihm durch eine Gesandtschaft viele Geschenke überbringen[2].
Die Geschichte des weißen Elefanten, den er dem Karl geschenkt haben soll, wird heute noch erzählt.
Abdallah Al-Mamun zählt mit Al-Mansur und Al-Raschid zu den großen Kalifen der Abbasiden Dynastie. Es ließ aus Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und aus anderen Orten die Werke der griechischen Meister kommen und hielt sich ein Heer von Übersetzern, die ihm diese Bücher ins Arabische übersetzten. Er gründete in Bagdad eine Akademie der Wissenschaften und mitten in der syrischen Wüste in der Oase Tadmor mit den Ruinen der antiken Stadt Palmyra, Observatorien.
WESTLICHE DEHNUNG DES ISLAMS: FATIMIDEN
Im jahre 969 entrissen die Fatimiden Ägypten den Händen der Ikschididen und dehnten bald darauf ihre Herrschaft über Arabien und Syrien. Der Kalif Muizz verlegte seinen Regierungssitz nach Qahira (Kairo,=die Siegreiche), die ein Militärlager war.
Unter Muizz (953 bis 975) und seinem Sohne Aziz (975-996) reorganisierte ein zum Islam übergetretener Jude aus Bagdad, Wesir Yaqub ibn Qillis die Verwaltung Ägyptens und machte die Fatimiden zu den reichsten Herrschern ihrer Zeit.
Der nächste Kalif, Al-Hakim (996-1021) verfolgte die Christen und Juden, ließ viele Kirchen und Synagogen niederbrennen und die Kirche des Heiligen Grabes in Jerusalem zerstören. Dieser Tat war auch ein auslösender Grund für die Kreuzzüge. Trotz andauernden Unruhen, lehrte Astronomen Al-Biruni, der die späteren europäischen Astronomen gründlich beeinflusst hatte.
In dieser bewegten Zeit stieg Ägypten als Bindeglied des europäisch-asiatischen Handels empor. Immer mehr Kaufleute von Indien und China fuhren am Golf von Persien vorbei und das Rote Meer und den Nil hinauf nach Ägypten. Der Reichtum und die Macht Bagdads schwanden dahin. Dafür wurde Kairo immer reicher und mächtiger. Nasiri-Chosru, der die neue Hauptstadt im Jahre 1047 aufsuchte, spricht von 20.000 Häusern, meist aus Backsteinen erbaut, mit fünf bis sechs Stockwerken, und von ebenso vielen Kaufladen, die mit Gold, Juwelen, Stickereien und Satins so angefüllt waren, dass kaum mehr Platz zum Sitzen verblieb[3].
Die Hauptstraßen waren gegen die Sonne abgedeckt und nachts von Lampen erleuchtet. Die Preise wurden von der Regierung festgelegt, und wenn einer die Preisvorschriften überschritt und dabei ertappt wurde, musste er auf einem Kamel durch die Stadt reiten, eine Glocke läuten und sein Verbrechen öffentlich bekennen[4].
Das Reichtum der Fatimiden erreichte seinen Höhepunkt während der langen Regierungszeit des Mustansir (1036-1094).
In seinem Vergnügungspavillon führte er ein Leben der Musik, des Weines und Vergnügens und pflegte folgendes zu sagen: "das ist angenehmer als auf den Schwarzen Stein (Hadscher-ül-Eswed, ein Meteorit eingebaut an der Südostecke der Kaaba) zu starren, dem Geleier des Muezzins zuzuhören und unsauberes Wasser (aus Mekkas heiligem Zemzem Brunnen) zu trinken" [5].
Als Mustansir starb, zerfiel das Fatimidenreich. Im Osten erhob sich Palästina und Syrien ging an die Ayyubiten verloren. Deren Herrscher Saladin, entthronte 1171 den letzten Fatimidenkalifen und beendete diesen rühmreichen Fatimiden Dynastie.
AUSDEHNUNG DES ISLAMS IN NORDAFRIKA:
641-1058 Die Höfe von Kairo, Qairewan und Fez wetteiferten miteinander in der Förderung von Baukunst, Malerei, Musik, Dichtung und Philosophie. Aber fast alle noch erhaltenen Handschriften des islamischen Nordafrika aus dieser Zeit sind in Bibliotheken und Archiven vergraben. Zwar sind die Schätze der Kunst zum größten Teil verschollen, verkünden jedoch die Moscheen die Lebenskraft und den Geist jener Zeit.
Durch den Orienthandel per Schiff gelangten vor allem die italienischen Seerepubliken Venedig und Genua zu großem Reichtum. Auch die Handelsstädte des oströmischen Kaiserreiches und des maurischen Spanien waren Umschlagplätze für den Warenaustausch zwischen Orient und Okzident.
Von nachhaltiger Bedeutung für das Verhältnis von Christentum und Islam war die seit Ende des 11. Jahrhunderts durch den Appell des Papstes Urban II in Europa aufkommende Kreuzzugstimmung. Die Idee, Jerusalem von den "Heiden" zu befreien, elektrisierte die Menschen.
Es war die erste gezielte Expansion des christlichen Europa mit dem erklärten Hauptziel, Jerusalem für die Christenheit zurückzugewinnen.
Obwohl mehrere der Kreuzzüge in einem völligen Desaster endeten, konnte sich das 1099 errichtete lateinische Königreich von Jerusalem sowie eine Anzahl anderer christlicher Kreuzfahrerstaaten in Syrien und Palästina eine Zeitlang behaupten.
Das Feindbild vom "barbarischen Heiden", das von den Kreuzfahrern unterschiedslos auf Muslime und Juden, teilweise sogar auf die orientalischen Christen übertragen wurde, sorgte bei den Eroberungen für eine Reihe von Massakern, die auf muslimischer Seite ihre entsprechende Vergeltung fanden.
Erst allmählich gewannen beide Seiten Respekt voreinander. Beherrschende Figur auf muslimischer Seite war der Sultan Saladin (1138-1193), der Fatimidendynastie beendete und Ägypten und Syrien unter seine Kontrolle brachte. Saladin vernichtete in der Schlacht bei Hattin 1187 das lateinische Königreich Jerusalem. Die Gestalt Saladins hat das Abendland sehr nachhaltig beschäftigt und auch zu einer Auseinandersetzung mit dem Islam geführt, wofür ein Beispiel Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" ist.
Mit König Richard 1. Löwenherz (1157-1199) und Sultan Saladin (1138-1193) von Ã"gypten stehen sich die beiden großen Helden des Morgen- und des Abendlandes gegenüber. Jerusalem und die anderen heiligen Stätten des Orients blieben in den Händen der Muslime, durften jedoch fortan wieder von den Christen besucht werden.
Nach 711 besetzten und besiedelten die über Gibraltar stürmenden Araber unter Tariq-bin-Ziad die größten Teile Spaniens und Portugals und drangen bis nachFrankreich vor, wo sie 732 in den Schlachten bei Tours und Poitiers vom Karl Martell gestoppt wurden.Politisches und geistiges Zentrum des Islam in Spanien war, das 756 errichtete Umayyaden Emirat von Cordoba. Das maurische Spanien wurde in der Folgezeit zu einem toleranten Hort geistigen, kaufmännischen und künstlerischen Lebens und hat vor allem durch das Miteinander von Islam, Judentum und Christentum die Wissenschaft Europas nachhaltig beeinflusst,.
Seine erste Blütezeit erlebte der Islam in Spanien unter dem mächtigen Emir Abd-ur-Rahman II. (912-961), der 929 dem Kalifentitel annahm.
Sein Sohn Al-Hakam II (961-976) hat in Cortoba eine der größten Bibliothek der Geschichte von über 400 000 Büchern aufgebaut. Er hat dem Sancho I. geholfen seinen Thron wieder zu gewinnen und pflegte gute Beziehungen zu den Christen. Somit entstanden neue eigene Kultur- und Kunstformen durch die in Spanien unter arabischer Herrschaft lebenden Christen (Mozaraber) und die unter christlicher Herrschaft lebenden Muslime (Mudejaren).
Bereits im 11. Jahrhundert zerfiel das Kalifat von Cordoba in eine Vielzahl arabischer Teilkönigreiche (reyes de taifas), die auch beachtliche Errungenschaften in Kunst und Wissenschaft hervorbrachten, durch unvermeidbare Zwiste untereinander und fielen dem Vordringen der christlichen Königreiche in Spanien unter Reconquista zum Opfer. Auch die Berberdynastien der Almorawiden und Almohaden, die zwischen dem 11. und 1 3. Jahrhundert sowohl in Marokko als auch im islamischen Spanien herrschten, konnten diese Entwicklung letztlich nur hinauszögern. Am längsten hielt sich im Süden das maurische Königreich von Granada unter der Dynastie der Nasriden.
Diese letzte kulturellen Hochblüte des Islams in Spanien mit ihrem majestätischen Alhambra in Granada, 1492 von den katholischen Herrschern Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon beseitigt wurde.Im Gefolge des Mongolensturms schoben sich im 13. Jahrhundert islamische Turkvölker aus Zentralasien Richtung Europa vor. Am erfolgreichsten und bedeutendsten waren die Türkenunter der seit 1299 herrschenden Dynastie der Osmanen, die seit dem 14. Jahrhundert von Anatolien aus auf dem Balkan vorrückten, und durch die Kreuzzüge geschwächte oströmische Kaiserreich von Byzanz umzingelten und schließlich beseitigten.
Unter Mehmed II., nahmen sie Konstantinopel ein und machte sie zur Hauptstadt des osmanischen Reiches(Istanbul).1529 und 1683 standen die Türken vor den Toren Wiens und wurden sowohl in Bündnissen und auch in Kriegen zu einem gewichtigen Faktor der europäischen Politik.
Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg, unternahm Mustafa Kemal Atatürk, der 1924 das Sultanat abschaffte und die Türkei zur Republik machte, gewaltige Modernisierungsanstrengungen nach europäischem Muster in Richtung auf einen säkularen Staat unter anderem durch Reformen in Schul- und Bildungswesens.Nun über die geistige und wissenschaftliche Einflüsse des Islams ab Mittelalter.
Die geistige Aufwärtsbewegung des 12. Jahrhunderts wurde verstärkt durch drei neu hinzukommende Momente, die sich etwa gleichzeitig geltend machten und als neue Antriebe wirkten. Es sind dies die Aristoteles-Rezeption, der Aufschwung der Universitäten und die wissenschaftliche Tätigkeit der großen Orden. Damit kam es zu jener Blüte mittelalterlichen Denkens, die wir im allgemeinen als Hochscholastik bezeichnen. Die Aristoteles-Rezeption setzt mit dem 12. Jahrhundert auf zwei Wegen ein und ist im 13. Jahrhundert vollendet. In indirektem Wege über die arabisch-jüdische Philosophie und direkten Wege durch Übersetzungen aus dem Griechischen.
Der Weg der Araber zu Aristoteles führt über Syrer. Vom 5. bis zum 10. Jahrhundert hatten christliche Gelehrte[6] aristotelische Werke, besonders das Organon, dann die Einleitung des Porphyrios und anderen Schriften in das Syrische übertragen und mit Kommentaren versehen. Während der Expansionsphase nach Norden, eigneten die Araber sich diese Philosophie an. Die abbasiden Kalifen luden die syrischen Gelehrten an den Hof von Bagdad und ließen sich die Werke der Griechen ins Arabische übersetzen. Der Kalif El-Mamoun errichtete 832 in Bagdad ein eigenes Übersetzungsbüro.
Außer den aristotelischen Werken kamen die Araber damit auch zu einer Menge anderer syrischer Literatur, zu hauptsächlich Neuplatoniker wie Galenus, Theophrast, Hippokrates, Euklides, Archimedes, und vor allem auch zu einer Reihe von Aristoteles_Kommentaren wie Jene des Alexander von Aphrodisias, Porphyrios, Themistios und Ammonios.Somit wurde die arabische Philosophie zu einem Medium, auf dem Neuplatonismus in das Mittelalter übertragen. Die Idee der Gradabstufungen des Seins, der Einheit des Intellektes aller Menschen, der Ewigkeit der Materie, der mystischen Einigung wurden durch die Araber propagiert. Die neuplatonische Deutung Aristoteles, wurde für aristotelisch gehalten.Man schreibt die Arbeit Al-Farabi zu. Die Übersetzung in das Lateinische besorgte Gerhard von Cremona (+1187). Diese aristotelische und neuplatonische Ideenkreuzung berehhrscht nun das Denken der arabischen Philosophie. Für Al-Farabi (+950) z.B. emaniert das Sein aus einem göttlichen Sein in verschiedenen Gradabstufungen.
Ã"hnlich denkt der von den Scholastikern viel zitierte Avicenna (Ibn-i Sina (+1037). Die Welt ist nach ihm eine ewige Wirkung eines ewigen Gottes. Aus Gott geht die oberste der Intelligenzen hervor. Gott selbst kümmert sich um das Individuelle nicht, sondern erkennt nur das Allgemeine. Aus ihr emanieren nacheinander die nachgeordneten Sphärengeister, die durch das Denken und Wollen die Welt in allen Einzelheiten regieren. Mehr aristotelischer erscheint Averroes aus Cordoba (Ibn-ür- Ruschd) (+1198), denn die Intelligenzen sind bei ihm Produkte eines schöpferischen Aktes. Der einzelne Mensch besitzt keine eigene Seele noch persönliche Unsterblichkeit. Nur die eine Menschheitsseele ist unsterblich. Die Materie ihren Anlagen und Formen ist gleichfalls ewig.Averroes stand in größtem Ansehen und galt als der Kommentator des Aristoteles schlechthin. Seine Thesen haben in der Scholastik zu ausgedehnten Polemiken geführt. In Contra stehenden Thomas von Acquin schrieb De unitate intellectus contra Averroistas. Berühmt wurde sein Streit mit Algazel (= Al-Ghazali, +1111), weil er eine Parallele zum gelegentlichen Widerstreit zwischen Religion und Philosophie innerhalb der christlichen Scholastik darstellt. Um die religiösen Gehalte des Islams zu bewahren, hatte Algazel sich mit seiner Schrift "Destructio philosophiae"gegen das Eindringen der Philosophie gewehrt.
Averroes verteidigt dagegen das Recht der ratio in seiner "Destructio destructionis". Nach Averroes will die Philosophie die Religion nicht verdrängen, sondern suchen und sehen beide die Wahrheit.Avencebrol(=Avicebron=Salomon ibn Gebirol, +1070) legt in seinem Hauptwerk "Fons Vitae‘dar, dass Gott die Lebensquelle ist, aus der in Wertstufen alles Sein erfließt. Der Weltgeist, der aus Materie und Form zusammengesetzt ist, unmittelbar aus Gott hervorgeht. Die Materie und Form charakterisieren das Sein in allen Stadien. Vom Weltgeist abwärts spaltet sich die Emanation in zwei Linien, in die körperliche- und geistige Welt.
Ein guter Kenner des Aristoteles ist Musa ibn-ü Maymun(=Moses Maimonides,+1204), den Thomas von Acquin schätzt. In seinen Gottesbeweisen ist Maimonides von Al-Farabi und Avicenna besonders aber von Aristoteles abhängig. Wahrscheinlich beeinflusst von seiner Glaube her, bestreitet er aber ihm gegenüber die Ewigkeit der Welt und tritt für eine Schöpfung aus dem Nichts ein. Das maurische Spanien war der große Umschlagplatz, über den die arabisch-jüdische Philosophie in das europäische Mittelalter Eingang fand. In der Mitte des 12. Jahrhunderts wurden in einer förmlichen Übersetzerschule in Toledo die Werke von Alfarabi, Avicenna, Algazel, Avencebrol durch Dominicus Gundissalinus, Johannes Hispanus und Gerhard von Cremona ins Lateinische übertragen.
Anfang des 13. Jahrhunderts kamen die Kommentare des Averroes dazu, und zwar in der Übersetzung des Michael Scotus und Hermanns des Deutschen. Um 1250 war das Meiste bekannt und man merkte nun überall den neuen Antrieb.Anhand der universalen Sichtweise der Geschichte der Kulturen zeigt sich, was die gegenseitigen Einflüsse der islamischen und der christlichen Welt angeht, ein bemerkenswerter Unterschied. Der Einfluss des europäischen Denkens auf die islamische Welt reicht lediglich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurück, während die islamische Zivilisation ihre tiefgreifende Wirkung auf die europäisch-christliche Kultur - auf deren langem Weg zur Entwicklung von Wissenschaft und Technologie - bereits ein Jahrtausend zuvor und über einige Jahrhunderte hindurch ausübte.
Der Einfluss war durchaus einseitig, da die europäische Zivilisation dieser Zeit ihrerseits nichts zur Entwicklung der islamischen Zivilisation beitragen konnte. Trotz dieses reichen kulturellen Einflusses, von dem die christliche Zivilisation in Europa profitierte, waren die Beziehungen auf der politischen Ebene nur selten von Offenheit und Toleranz geprägt. Wie ich vorne gesagt habe, zählte Karl der Große (747 - 814), der freundschaftliche Beziehungen zu den Abbasiden in Bagdad unterhielt, zu den Ausnahmen.
Harûn al-Râshid respektierte ihn sogar als Beschützer der morgenländischen Christen mit bestimmten protokollarischen Rechten über Jerusalem.In einer entscheidenden Zeitperiode von ungefähr zweihundert Jahren ab 1000, befähigte das Zusammentreffen mit der islamischen Zivilisation Europa dazu, seine Fähigkeiten in allen wissenschaftlichen Bereichen, speziell in Philosophie, Medizin, Astronomie, Chemie und Mathematik zu entwickeln.
Die arabischen Hochschulen in Cordoba, Sevilla, Granada, Valencia und Toledo wurden von vielen christlichen Gelehrten besucht. Große christliche Denker dieser Zeit, wie Albertus Magnus, Roger Bacon, Thomas von Aquin, Wilhelm von Ockham, Gerbert von Aurillac, der spätere Papst Silvester II. sind nur einige zu nennen. Die "große europäische Bibliothek" in Toledo - wo 1130 eine Übersetzungsschule gegründet wurde - zog Studenten und Wissenschafter aus ganz Europa an.
Die arabisch-islamische Medizin hatte einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Heilkunst in Europa. Die ersten Professoren für Medizin in den neu errichteten europäischen Universitäten im 12. Jahrhundert waren allesamt frühere Studenten arabischer Gelehrter.
Das grundlegende Werk des bekanntesten medizinischen Gelehrten, Ibn-i Sîna (Avicenna), Al-Qanûn (canon medicinae), wurde in allen wichtigen europäischen medizinischen Fakultäten über sechs Jahrhunderte hindurch gelehrt.Noch 1587 errichtete König Heinrich III. von Frankreich einen Lehrstuhl für die arabische Sprache am Collège Royal, um die medizinische Forschung in Frankreich voranzubringen. Der arabische Astronom Al-Battâni (Albatenius, 858 - 929) widerlegte das ptolemäische Dogma des Heliozentrismus, lange bevor Kopernikus seine berühmte Abhandlung "De revolutionibus orbium caelestium" im 16. Jahrhundert publizierte.
Die romanische Periode der europäischen Kunst war zutiefst der islamischen Architektur, insbesondere derjenigen in Spanien, geschuldet. Ohne weiter ins Detail zu gehen, kann man mit einiger Berechtigung feststellen, dass die islamische Zivilisation im Süden Europas bis ins späte 12. Jahrhundert übertraf in ihren universalen Errungenschaften sogar den früheren Beitrag des Römischen Reiches zur Entwicklung der Zivilisation. Sie erweckte Europa aus seinem "dogmatischen Schlaf" im Mittelalter und beschleunigte somit eine europäische Renaissance im Sinne einer aufgeklärten, rationalen, undogmatischen Weltsicht vor.
Die Wiederauslösung der politische Geschichte der islamisch-christlichen Beziehungen in Europa nach der Schlacht von Poitier um 711 wird von der Bewegung der Kreuzzüge, die im 11. Jahrhundert begann, dominiert. Die Kreuzzüge entwickelten sich schnell hin von ursprünglichen religiösen, zu weltmachtpolitischen Unternehmungen. Die Glaube diente lediglich als Vorwand für die weltmachtpolitischen Pläne der europäischen Herrscher. Ihre Pläne waren nicht nur gegen den Islam im Heiligen Land, sondern auch gegen das christliche byzantinische Reich gerichtet waren. 1204, im Vierten Kreuzzug Enrico Dandolo, der Doge von Venedig, eroberte Konstantinopel nicht nur aber auch ließ sie auch plündern.
Trotz des reichen Einflusses der islamischen Kultur auf die Entwicklung der europäischen Gedankenwelt machte diese komplexe Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen im Westen, Süden und Osten Europas sowie im Nahen Osten einen aufrichtigen "Dialog der Kulturen" praktisch unmöglich. Im Rahmen der politisch-militärischen Konfrontationen jener Zeit diente gerade auf Seiten des Christentums die Religion als ideologisches Werkzeug zur Verteidigung der machtpolitischen Interessen der europäischen Herrscher und des Heiligen Stuhles in Rom.
Das erklärt die "Geschichte der vorsätzlichen und unbeabsichtigten Missverständnisse", welche die islamisch-christliche Begegnung in Europa über die Jahrhunderte hinweg charakterisierte. Dieser frühe "Kampf der Kulturen" - seit dem Mittelalter - hat ein Vermächtnis der Konfrontation, Misstrauen und Missverständnisse geschaffen, die bis in unsere Gegenwart wirkt.
Auch vom Martin Luther propagierten anti-islamischen Vorurteile in Europa, die jetzt in einer neuen Konstellation der Welt- und Europapolitik mit dem möglichen Beitritt der Türkei in die EU wieder lebendig werden, sind die Widerspiegelung dieser früheren konfliktbestimmten Geschichte der islamisch-christlichen Beziehungen.
Die europäische Machtpolitik, besonders ab 19. Jahrhundert, hat die politische Landkarte des Nahen Ostens bis zum heutigen Tage geformt. Man suchte die politische und militärische Vorherrschaft durch den ideologischen Anspruch einer Überlegenheit des christlichen Europa über die islamische Kultur im Osmanischen Reich, später die Republik Türkei und im Nahen Osten zu legitimieren.
Alte, seit den Kreuzzügen bestehende Vorurteile wurden wieder belebt, sogar noch verstärkt. Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit der Schaffung neuer politischer und staatsrechtlicher Gegebenheiten in den Nahen Osten nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches.
Zur Zeit, unter dem Lichte der- vom Papst Johannes 23. eingeführten Anerkennung der Gleichberechtigung aller Religionen durch die katholische Kirche und von Johannes-Paul II eingeführten Dialogs zwischen Islam und Christentum ist ein kultureller Austausch in Keimen."Glaube" und "Liebe" dürfen verloren gehen. Die "Hoffnung" auf einen "Zusammenwachsen der Kulturen" aber dürfen wir nicht verlieren. Trotz tagtäglichen Krawallen in Frankreich.
Ich hoffe, dass wir in den nächsten Dekaden, wie vor 800 Jahren, von einem "Zusammenprall der Kulturen" zu einem "Zusammenwachsen der Kulturen" überschreiten können.
Ich danke Ihnen
Dr. Oylar Saguner
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